Erster Vortrag zum Thema
Elsa Tamez
Der Mangel an Milch: Sichtbare Ketten, die gesprengt werden müssen
Die vielen verschiedenen Arten von Milch: Unsichtbare Ketten der Sklaverei
Militante Zurückweisung von Milch und Gefühllosigkeit
Auf dem Weg in das Land, wo Milch und Honig fließt
Sprengt die Ketten der Ungerechtigkeit
Vielleicht würde ich Milch lieber mögen, wenn meine sieben Brüder und Schwestern nicht so hungrig gewesen wären. Ich vermute, daß ich Milch deshalb nicht mag, weil mein Gehirn, wie eine Schublade, in der Erinnerungen aufbewahrt werden, Milch mit dem Bild eines dünnen, kränklichen Mädchens assoziiert, das sich unter einem Tisch versteckt und hastig ein Glas weißer Flüssigkeit trinkt, in der Hoffnung, ihre Brüder und Schwestern würden sie nicht entdecken. Sie konnten nichts erbitten, was sie nicht bekommen konnten. Warum sollte Mutter noch mehr leiden? Sie hatte sich schon genug bemüht, einen Becher Milch für ihre Tochter zu bekommen, die anfälliger war für Tuberkulose. Wenn ich heute in den Läden vor Kisten, Flaschen und Kartons mit Milch stehe, sehe ich mich milchtrinkend unter dem Tisch sitzen, mit meiner Mutter verbündet und sorgfältig darauf achtend, nach dem letzten Schluck auch ja den weißen Schnurrbart abzuwischen.
Es hätte nicht so sein sollen. Ich habe eigentlich viel länger als nötig gestillt. Ich habe keine Abneigung gegen Muttermilch, aber sehr wohl gegen die Tatsache, daß es nicht genug Milch für alle gibt. Ich mag die natürliche Milch einer Mutter, die durch die Gnade Gottes aus ihrem Körper fließt - Milch, die unverfälscht ist, weil sie von der Frau kommt. Diese Milch hat nicht nur Nährstoffe und Mineralien, wie 0,7 bis 1,5 Gramm Protein, sowie Glukose, Fette, Soda, Kalzium und Kalium. Sie hat auch spirituelle Komponenten: die Wärme eines liebenden Körpers, der den kleineren Körper, Vertrauen und Sicherheit vermittelnd, während des Trinkens in den Armen hält.
Im biblischen Verständnis ist das Wort Gottes wie Milch, die aus Gottes Brust fließt, um die Töchter und Söhne zu nähren. Hippolyt hat im zweiten Jahrhundert die Brüste von Sulamith im Hohen Lied (Hld 4,5) allegorisch so interpretiert, daß sie das Alte und Neue Testament verkörpern. Im ersten Petrusbrief 2,1 lädt der Autor die Lesenden ein, alle Bosheit abzulegen und wie die neugeborenen Kinder begierig zu sein nach der vernünftigen, lauteren Milch, um dem Heil entgegenzuwachsen.
Da Milch für unsere verarmten Völker eine Lebensnotwendigkeit ist und im biblischen Denken als Bild eine besondere Bedeutung hat, möchte ich in einem "laktosymbolischen" Bezugsrahmen in das Thema der Versammlung einführen.
Der Mangel an Milch: Sichtbare Ketten, die gesprengt werden müssen
Es gibt verschiedene Arten des Fastens. Jesaja bezieht sich im 58. Kapitel auf die freiwillige Praxis des Nahrungsverzichts. Der Tradition gemäß lag der Zweck des Fastens darin, Gottes Hilfe zu erflehen, um Vergebung zu bitten oder einer nationalen Katastrophe zu gedenken. Dieses Fasten wird von Gott abgelehnt, wenn es nicht von der Bereitschaft und Praxis begleitet wird, Gottes Willen zu erfüllen, in anderen Worten, das Ungerechte zu lassen und das Gerechte zu tun.
Es gibt aber auch noch andere Arten des Fastens, die Gott nicht gefallen. Zum Beispiel jenes Fasten, wenn Menschen nicht essen können, weil sie kein Geld haben, um sich etwas Eßbares zu kaufen. Das Bild eines kleinen Mädchens, das vor vielen Jahren unter dem Tisch saß, um von seinen Brüdern und Schwestern nicht gesehen zu werden, kommt wahrscheinlich immer und immer wieder zum Vorschein. Und noch wahrscheinlicher ist, daß jene kleinen Mädchen inzwischen gar keine Milch mehr bekommen. Das Weltwirtschaftssystem hat den Prozeß des Ausschlusses in einem Maße beschleunigt, daß es den Anschein hat, als ob Milch und andere Grundnahrungsmittel einen metaphorischen Prozeß von der Verdunstung zur Kondensierung durchlaufen hätten. Für die Armen sind Lebensmittel und andere Artikel für den Grundbedarf verschwunden, um in großen Mengen für die Reichen konzentriert zu werden. In der Praxis bedeutet dies, daß Trockenmilch, Kondensmilch und andere Nebenprodukte, einschließlich Wohnungen, Gesundheitsdiensten und Erziehung für viele unerreichbar geworden sind. Wenn die Brüste unserer Frauen trocken sind, wie können wir mit dem Psalmisten sagen "aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, daß du vertilgest den Feind und den Rachgierigen" (Ps 8,3)?
Während der letzten Jahre haben wir immer wieder von der Feminisierung der Armut gehört. Der erste Weltgipfel über soziale Entwicklung, der im März 1995 in Kopenhagen abgehalten wurde, stellte dramatische Zahlen zur Verfügung, die keinen Zweifel lassen, daß Armut weibliche Züge trägt. Folgende alarmierenden Statistiken wurden bei der Vierten Weltfrauenkonferenz in Beijing vorgestellt.1
- Von den 1,3 Milliarden Menschen, die auf der Welt in Armut leben, sind 70 Prozent Frauen. Unter den Frauen auf dem Lande wächst die Armut. Die indigenen Frauen sind die Ärmsten unter den Armen.
- 66 Prozent aller Analphabeten sind Frauen. In Afrika und Asien sind es 70 Prozent.
- 80 Prozent der 23 Millionen Flüchtlinge in der Welt sind Frauen.
- 1990 wurde geschätzt, daß Frauen 32 Prozent der weltweiten Arbeitskräfte ausmachen, daß ihre Arbeitsplätze aber minderbewertet und unterbezahlt sind.
Dies ist nur ein kleiner Teil der Statistiken, denen wir andere Statitiken gegenüberstellen können: Weltweit werden ein Drittel aller Familien von Frauen geführt; der Prozentsatz von Frauen in höheren Regierungsämtern mit Entscheidungsbefugnissen beträgt lediglich 6,2 Prozent, von denen aber nur 3,6 Prozent in Positionen im Wirtschaftsministerium sind. In 144 Mitgliedsländern der Vereinten Nationen gibt es in den oberen Entscheidungsgremien in diesen Bereichen keine Frauen. Angesichts dieser Wirklichkeit muß nicht nur die Feminisierung der Armut sehr ernst genommen werden, sondern auch die Feminisierung der Mittel und Maßnahmen, um diese Realität zu bekämpfen.
Ich kann nicht umhin, die häusliche Gewalt zu nennen, denn sie ist ein schreckliches, sichtbares und systematisches Zeichen der strukturellen Sünde in unserer patriarchalen Gesellschaft. Gewalt gegen Frauen und Kinder hat in alarmierendem Maße zugenommen und sich verschlimmert. Wir wissen, daß Arbeitslosigkeit eines der ernsthaften Probleme der freien Markwirtschaft darstellt. Obwohl die Indikatoren des Wirtschaftswachstums in jedem Land steigen, verdoppelt oder verdreifacht sich die Arbeitslosigkeit. Häufig führt der Mangel am Lebensnotwendigsten zu Kriminalität und häuslicher Gewalt, und in der Regel sind es die Frauen und Kinder, die unter den Frustrationen des Ehemannes oder Vaters am meisten zu leiden haben. Unter denen, die ausgeschlossen sind, haben die Frauen einen noch schwereren Stand, weil ihre Würde und Selbstachtung weder vom System noch von ihren Ehemännern, Partnern oder ihnen selbst anerkannt wird.
Das Fasten, das der Schöpfer wünscht, offenbart sich in der Solidarität mit den Frauen, die zusammen mit ihren Partnern wie weite, bewässerte Gärten sein wollen, gleich der Mutter Erde bereit, mit den Samen aller Früchte und den Blumen jeglicher Farbe und jeglichen Duftes fruchtbar gemacht zu werden. Unsere bewohnte Erde sollte die Worte des Dichters in Jesaja 66,10-11 bedenken, in denen er die gute Nachricht des neuen Jerusalem ankündigt, der Frau gleich, die ihre vielen Kinder mit reichlicher Milch versorgt: "Freuet euch mit Jerusalem...denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen am Reichtum ihrer Mutterbrust."
Die vielen verschiedenen Arten von Milch: Unsichtbare Ketten der Sklaverei
Das Gesetz des Konsums ist eine der unsichtbaren Ketten, die zu Sklaverei führen und eine der mächtigsten Waffen, um das Ichgefühl von Frauen zu verletzen und die Identitätsentwicklung als einer freien Person mit eigener Würde zu behindern.
Frauen, die versuchen, den Körper eines Fernsehmodells zu haben, fürchten sich vor Kuhmilch oder Ziegenmilch oder jedem anderen Milchprodukt. Diese Art des Fastens gefällt dem Schöpfer nicht, weil sie - auch wenn es nicht so scheint - ein vom Markt erzwungenes Fasten ist, um ein Image von Frauen und Männern zu verkaufen, das nur westlichen Schönheitsidealen entspricht. Wenn Geschäftsleute an jedem Tag der Woche, einschließlich des Sabbat, ihren Geschäften nachgehen, wenn sie ihre eigenen Interessen verfolgen und darauf aus sind, immer mehr anzuhäufen (Jes 58,13), dann werden die Menschen zu Marionetten, die von einer Propaganda manipuliert werden, die allen, Reichen und Armen, dieselben Wünsche aufzwingt. Neben der Werbung für Softdrinks und verlockendem, fettreichem Fastfood sehen wir das Image der idealen Frau mit makelloser Haut und ebensolchem Körper. Eines der einträglichsten, erfolgreichsten Geschäfte, nicht nur in den Vereinigten Staaten, wo Fettleibigkeit weitverbreitet ist, sondern auch in vielen armen Ländern, ist der Handel mit Schlankheitsprodukten und Diäten. Als Folge dieser Entwicklung können wir neuerdings unter vielen verschiedenen Arten von Milch wählen, die uns durch die Globalisierung des Marktes angeboten werden: Vollmilch in flüssiger oder in Pulverform, zweiprozentige Milch, einprozentige Milch, entrahmte Milch, Buttermilch, Sahne, Halb-und-Halb, Milch mit Schokoladen- oder Erdbeergeschmack und laktosefreie Milch.
Die größte Ungerechtigkeit besteht darin, daß während der freie Markt die Freiheit der Produktwahl bietet, die Ausgeschlossenen nicht einmal Zugang zu ganz normaler, nicht aufbereiteter Milch haben. Ist Freiheit auf eine Auswahl von Produkten beschränkt? Bedeutet Freiheit, den Normen des freien Marktes zu folgen? Führt die Freiheit des Wettbewerbs zu wirklicher Freiheit für alle? Die neoliberale Ideologie betont innerhalb der Rahmenbedingungen des Wettbewerbs die Freiheit der Chance für alle; in der Praxis basiert sie aber auf Ungleichheit. Die Gewinner in diesem uneingeschränkten, wettbewerbsfähigen Rennen sind die Starken und Skrupellosen, die sich nur an ihren eigenen Interessen ausrichten. Die Forderung, zu triumphieren, erfolgreich und in allem die Nummer eins zu sein, schafft ein Klima erbarmungsloser Konkurrenz, die zu Rivalitäten unter den Frauen führt. Jede fühlt sich verpflichtet, ihr eigenes Heil zu suchen.
In diesem Kontext ist es lebenswichtig, daß wir in der Tiefe unseres Gewissens und Herzens verstehen, daß Gott uns durch Gottes Gnade Söhne und Töchter nennt, frei und voller Würde. Um Mensch sein zu können, brauchen wir uns keine Verdienste zu erwerben. Würde kann weder durch eine noch so teure Milch noch durch die berühmtesten Markenprodukte erworben werden. Menschenwürde ist ein Geschenk, das nicht käuflich zu haben ist. Der uneingeschränkte freie Wettbewerb ist ungesund, weil er die zwischenmenschliche Solidarität ausschließt.
Wir alle sind in gewisser Weise gefesselt, manche dadurch, daß sie nicht kaufen können und andere dadurch, daß sie kaufen, was der Markt ihnen vorschreibt. Je mehr Freiheit der Markt bietet, desto weniger Freiheit bleibt den Menschen. Wenn wir die Ketten der Ungerechtigkeit sprengen wollen, müssen wir erkennen, daß wir in die Sklaverei geführt werden. Wir müssen uns davon distanzieren und dürfen nicht zulassen, in diese Ideologie hineingezogen zu werden.
Gemeinsam können wir Tür und Tor öffnen, damit alle Milch haben können. Wir müssen nur die Verheißungen ernst nehmen, die dem Volk Gottes nach dem Exil zugesprochen wurden, als Gott sagte: "Siehe, ich breite aus bei ihr (Jerusalem) den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden und auf den Knien wird man sie liebkosen." (Jes 66,12)
Dann wird in der Geschichte nicht nur Kleopatra, die Königin Ägyptens, erwähnt werden, von der erzählt wurde daß sie in Milch badete, um ihre Schönheit zu mehren. Denn dann werden wir alle, Erwachsene und Kinder, Männer und Frauen aller Farben und Rassen in der Fülle der Milch gebadet haben.
Militante Zurückweisung von Milch und Gefühllosigkeit
Es gibt auch Menschen, die aus Protest gegen eine Ungerechtigkeit freiwillig fasten. Sie lehnen die Milch ab, nicht weil sie sie nicht wollen, sondern weil sie sie als Druckmittel benutzen, um Gerechtigkeit zu erreichen.
Vor zwei Jahren lief ich durch den Park des Weißen Hauses in Washington, D.C. In der Ferne konnte ich ein kleines, einsames, grünes Zelt auf dem Rasen sehen. Ich fragte meine Freundin, was das sei, worauf sie mir erzählte, daß es wohl jemand sein müsse, der sich im Hungerstreik befinde. Die Antwort gab mir zu denken, weil ich sehen konnte, daß sich niemand von den militanten Milchverweigerern bewegen ließ. Die Szene erinnerte mich an Kafkas Geschichte "Der Hungerkünstler", die so beginnt: "Während der letzten Jahrzehnte hat das Interesse an den Fastenden stark abgenommen. Es war einst ein gutes Geschäft, ganze Shows dieser Art als unabhängige Spektakel zu organisieren, etwas, das heute völlig unmöglich scheint. Das waren noch andere Zeiten. Damals nahm die ganze Stadt Anteil an der fastenden Person."2
Kafkas Geschichte weist auf eine völlig andere Art des Fastens hin, in der eine Person nur fastet, um ihre Willenskraft zu beweisen. Es gibt keinen Zweck, der dem Fasten zugrundeliegt, wie bei den Hungerstreikenden im Zelt auf dem Rasen des Weißen Hauses. Aber sich wandelnde Zeiten weisen auf eine Ähnlichkeit hin. Nahe den Hungerstreikenden befand sich die Mauer mit den Namen von 50,000 in Vietnam Gefallenen, die in wunderbaren Marmor gemeißelt waren, wie als Teil der Dekoration. Ich erinnerte mich an die unglaubliche Solidarität während der Bemühungen, den Krieg in Vietnam zu beenden, damit nicht noch mehr Menschen umkommen, und fragte mich, was daraus geworden war. Sowohl die Mauer mit den Namen derer, die im Vietnamkrieg gekämpft hatten und gefallen waren, wie die enorme Solidarität im Kampf, den Krieg zu beenden, schienen als Relikte aus ferner Zeit betrachtet zu werden, an die man sich kaum erinnert.
Ich konnte nie herausfinden, zu welchem Zweck der Hungerstreik durchgeführt wurde und wie er für die Bewohner jenes kleinen, grünen Zeltes ausging; aber in Kafkas Geschichte wird in den letzten Worten von einem beängstigenden Ende berichtet. Es ereignet sich vor dem Käfig, in dem der Fastende, auf einem Haufen Heu liegend, seine Würde vor einem völlig uninteressierten Publikum dadurch demonstriert, daß er keine Nahrung zu sich nimmt. "Macht hier sauber, schreit der Inspektor und begrabt ihn im Heu."
Eine der größten Herausforderungen, vor der die Kirche heute steht, ist die Gefühllosigkeit der Menschen in allen Teilen der Welt. Einige sind deshalb gefühllos, weil sie nie Solidarität erfahren haben, andere deshalb, weil sie müde geworden sind, sich ihren Nächsten in Solidarität zu schenken, ohne je irgendwelche Fortschritte zu sehen auf dem Weg zum Land von Milch und Honig. Und hier fügen wir noch den mangelnden Glauben hinzu, der in diesen Zeiten messianischer Dürre herrscht. Vom Sprengen ungerechter Ketten zu sprechen, kommt vielen altmodisch vor, trotz der so offensichtlich wachsenden Armut, trotz der sich bedrohlich verbreiternden Kluft zwischen Reichen und Armen, trotz der Gewalt, die täglich in vielen Teilen der Welt Menschenleben fordert. In Kolumbien gab es während der letzten zehn Jahre jährlich 30,000 Morde, Opfer politischer Gewalt, allgemeiner Kriminalität, Intoleranz gegenüber Straßenkindern und Prostituierten (der sogenannten "sozialen Säuberung") und häuslicher Gewalt. Trotz allem wächst die Gefühllosigkeit und es gibt immer weniger Solidarität.
Für Christen darf es niemals aus der Mode kommen, vom Kampf um einen Becher Milch zu sprechen, wie es in einem Projekt zum Ausdruck kommt, das von Frauenorganisationen und Mütterkreisen in Peru umgesetzt wurde, um ihre Kinder mit Nahrung zu versorgen. Inzwischen gibt es dort Tausende von Speisungsprogrammen, in denen Kinder eine Milchration bekommen. Einige Regierungsverantwortliche versuchten das Projekt einzustellen, aber die Frauen haben nicht aufgegeben und kämpfen weiter, damit sich die Becher voll Milch in allen Speisungsprogrammen vervielfachen. Seliger als die, aus deren Brüsten Jesus trank, sind die, die das Wort Gottes trinken und es in die Tat umsetzen (Vgl. Lk 11,27-28).
Auf dem Weg in das Land, wo Milch und Honig fließt
Wir müssen herausfinden, wie wir das "Becher-Milch-Projekt" für all jene globalisieren können, die in unserem großen Dorf leben, das die Welt ist - und zwar mit guter Milch, mit unverfälschter Milch wie der Muttermilch, die nicht nur aus Chemikalien und Mineralien besteht. Menschen leben nämlich nicht vom Brot allein, sondern auch von Zuwendung und Freude.
Die Ketten der Ungerechtigkeit zu sprengen heißt, es auch wirklich zu glauben, daß sie gesprengt werden können. Im Hebräerbrief Kapitel elf, Vers eins wird der Glaube als das Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht, definiert. Was aber ist es, das wir nicht sehen, das uns dennoch ermöglicht, mit Zuversicht zu warten, auch wenn wir es nicht sehen? Dies ist nicht klar, aber es muß etwas sein, das ersehnt wird: ein Traum, eine erhoffte Verheißung, auf ewig gesunde Brustwarzen in allen Größen und Farben. Das Evangelium nennt es Reich Gottes, Jesaja und die Offenbarung des Johannes sprechen von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Es ist ein Ort, an dem es kein Leid und keinen Schmerz mehr gibt, keine Unterdrückung und keinen Betrug, keinen Hunger und keine Demütigung, keine Diskriminierung und keinen Ausschluß. Es ist ein Ort, wo wir in gegenseitiger Achtung leben, wo niemand sich auf Kosten anderer zu bereichern sucht, oder Angst hat zu verlieren, oder Selbstmord begeht, weil er oder sie den Forderungen nicht entsprechen kann, die Menschen oder Umstände stellen. Ein Ort, an dem wir nicht unter unerwiderter Liebe zu leiden haben.
Wir träumen von einem Land, wo Milch und Honig umsonst fließen. Wir lesen in der Schrift von den Brüsten, zu denen Gott alle, die durstig sind, ruft und ihnen zuspricht: "Wohlan alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her und kauft und eßt! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!" (Jes 55,1).
Wir träumen von dem Ort, an dem wir Gnade und Gemeinschaft atmen können - dem Ort, wo Gott geatmet wird. Ein kleines, kränkliches Mädchen wird sich nicht länger unter dem Tisch verstecken brauchen, um einen Becher Milch trinken zu können. Ihre Brüder und Schwestern, ihre ganze Familie und auch die Nachbarn und Nächsten, werden zu trinken haben.
Notes
1 Diese Statistiken stammen aus einer Zusammenfassung, die Maria Gonzales Butron über die "Zwölf Arbeitspunkte der Aktionsplattform" der Vierten Weltfrauenkonferenz im September 1995 in Beijing, China, geschrieben hat.
2 Franz Kafka, "El Artista del Hambre" in La Metamorfosis. Übersetzung und Vorwort von Jorge Luis Borges. Buenos Aires; Losada, 1977.
