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Gerechtigkeit, Brot und Schönheit

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Abival Pires da Silveira
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Abival Pires da Silveira

Der heutige Tag ist für mich ein Tag der Erinnerungen, der dankbaren Erinnerungen an die besonderen Augenblicke, die mich mit dem Reformierten Weltbund verbinden und die ich nie vergessen werde.

Der erste besondere Augenblick war die 18. Generalversammlung, die im Juli und August 1959 in Sao Paulo stattfand. Die Eröffnungs- und Schlußgottesdienste wurden in der Kirche gefeiert, in der ich heute Pfarrer bin. Ich studierte damals im zweiten Jahr am Theologischen Seminar und betrachtete es als Privileg, an jenem historischen Augenblick teilnehmen zu können. An zwei Dinge erinnere ich mich ganz besonders, zum einen an die großartige Prozession der Delegierten, als sie den Mittelgang der Kirche entlangschritten, über 300 Delegierte aus fünf Kontinenten, von denen viele die traditionelle Kleidung ihrer jeweiligen Länder trugen. Zum anderen war ich tief beeindruckt von der Predigt von Dr. John Mackay, dem damaligen Präsidenten des Reformierten Weltbundes, der im Eröffnungsgottesdienst über das Wort "Wir wollen uns an Gott erinnern" sprach.

Der zweite besondere Augenblick war die 21. Generalversammlung, die vom 17. bis 27. August 1982 in Ottawa, Kanada, abgehalten wurde. Ich war zum ersten Mal Delegierter und werde nie den Eröffnungsgottesdienst in der Dominion Chalmers Church vergessen. Welch ein Privileg war es, zum ersten Mal Dr. Jürgen Moltmann zu hören, der über das Thema der Generalversammlung predigte: Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.

Und den dritten besonderen Augenblick erlebe ich jetzt gerade: die Auszeichnung, im Eröffnungsgottesdienst für die 23. Generalversammlung des Weltbundes von dieser historischen Kanzel predigen zu dürfen. Welch eine Ehre!

Dem Herrn der Herrlichkeit sei Lob und Ehre!

Erlauben Sie mir, meine Predigt damit zu beginnen, daß wir uns an eine Seite des Alten Testamentes erinnern. Die zentrale Figur ist Jeremia, der Prophet, den manche wegen seiner Klagelieder als den weinenden Propheten bezeichnen. Ich denke, wir würden ihn besser verstehen, wenn wir mit seinem Namen beginnen würden, denn sein Name spricht von seiner Berufung und seinem Werk: Jeremia bedeutet "Gerechtigkeit, die rettet".

Als von Gott beauftragter Prophet erhielt Jeremia eines Tages Anweisungen, die in der Tat befremdlich waren. Ihm wurde befohlen, sich selbst ein Lendentuch aus feinstem, weißem Leinen zu kaufen. Der Prophet gehorchte dem göttlichen Gebot, worauf ihm gesagt wurde, das Lendentuch anzulegen. Danach kam die nächste Anweisung: "Nimm das Lendentuch, das Du gekauft hast und trägst und gehe nun zum Euphrat und verstecke es daselbst." Jeremia versteckte also das Lendentuch am Fluß Euphrat, wie Gott ihm befohlen hatte. Viele Tage danach erhielt Jeremia eine neue Botschaft, die die befremdlichen Anweisungen vervollständigte: "Gehe nun zum Euphrat und hole das Lendentuch, das Du dort verstecken solltest." Jeremia tat wie ihm befohlen. Er grub das Lendentuch wieder aus, aber wie hätte es auch anders sein können, es war ruiniert und zu nichts mehr nütze.

Hinter dieser fremden und ungewöhnlichen Geschichte ist eine ganze göttliche Pädagogik verborgen. Das Lendentuch war nicht gewebt worden, damit man es vergräbt, sondern viel mehr damit es jemand trägt. Es war geschneidert worden, um den Körper zu schmücken und schön zu machen. Mit dieser Episode sollte nun verdeutlicht werden, welche Botschaft der Prophet dem Volk überbringen sollte: So wie mit dem feinen, weißen Leinentuch verfahren worden war, so hatten auch die Menschen die fundamentalen Werte, die einem Volk Schönheit und Würde verleihen, vor allen Dingen den Wert der Gerechtigkeit, vergraben. Der Gott, dessen Gerechtigkeit errettet, ist aber der zentrale Punkt der prophetischen Botschaft Jeremias.

Könnte dies nicht vielleicht ein lebendiges Gleichnis für unsere Zeit sein? Denn auch wir haben das weiße Leinentuch der Gerechtigkeit vergraben. Wir haben es nicht am Rand vergraben, sondern in den Stromschnellen unserer Flüsse, in der Tiefe der Meere, im Urgrund der Erde und an den äußersten Enden des Weltraums. Wir haben die Gerechtigkeit in den Städten und in den Feldern, in den Wüsten und in den Wäldern, in den Tälern und in den Bergen vergraben. Wundert es da, daß sich unsere Welt immer mehr in eine Welt verwandelt, der jede Würde, jede Anmut, jede Schönheit fehlt.

Als die ersten Astronauten die Erde von oben sahen, riefen sie voll Erstaunen: "Sie ist blau! Und wie schön sie ist!" Aber unser Planet verliert immer mehr von seinem Blau und immer mehr von seiner Schönheit. Wenn wir unsere Welt mit den Augen der Wirklichkeit und Wahrheit betrachten, dann müssen wir bekennen, daß sie immer bedrohlicher und schmutziger wird. Wo wir hinschauen, sehen wir Hunger; und Hunger ist bedrohlich und schmutzig.

Wir sehen Elend; und Elend ist bedrohlich und schmutzig.

Wir sehen Armut; und Armut ist bedrohlich und schmutzig.

Wir sehen Krankheit; und Krankheit ist bedrohlich und schmutzig.

Wir sehen Epidemien; und Epidemien sind bedrohlich und schmutzig.

Wir sehen Kriege; und Kriege sind bedrohlich und schmutzig.

Wir sehen Drogen; und Drogen sind bedrohlich und schmutzig.

Wir sehen Gewalt; und Gewalt ist bedrohlich und schmutzig.

Das moderne Leben ist aber nicht nur bedrohlich und schmutzig. Es wird immer mehr zu einem unerträglichen Gewicht, das uns zusammenzudrücken scheint.Wo wir auch hinschauen, sehen wir Menschen, die von Fesseln und Ketten niedergedrückt werden, die das Leben grausam und bedrückend machen.

Wo wir auch hinsehen, gibt es jede Art von Versklavung. Und alle Versklavung ist grausam und bedrückend.

Wir sehen Vorurteile; alle Vorurteile sind grausam und bedrückend.

Wir sehen Intoleranz; alle Intoleranz ist grausam und bedrückend.

Wir sehen Verhöre; alle Verhöre sind grausam und bedrückend.

Wir sehen Diktaturen; alle Diktaturen sind grausam und bedrückend.

Wir sehen Spaltungen; alle Spaltungen sind grausam und bedrückend.

Wir sehen Ausbeutung jeder Art, vor allem wirtschaftliche Ausbeutung.

Jede Art von Ausbeutung ist grausam und bedrückend.

Eine Welt aber, die immer bedrohlicher und schmutziger, grausamer und bedrückender wird, kann nur eine unglückliche Welt sein. Das moderne Leben wird von Unglück beherrscht, trotz aller unserer Anstrengungen, das Gegenteil zu erreichen - ja, von Unglück und von Tränen. Wir lächeln immer weniger und wir weinen immer mehr. Und was noch schlimmer ist, wir weinen die Tränen derer, die alle Hoffnung aufgegeben haben. Es ist das Weinen des ohnmächtigen Herzens angesichts so vielen Schmerzes, so vielen Leidens, so vieler Armut, so vieler moralischer Korruption, so vieler Ungerechtigkeit.

Ohne das Lendentuch der Gerechtigkeit ist unsere Welt eine Welt, die immer mehr dazu verurteilt ist, bedrohlich, schmutzig und unglücklich zu werden.

Wir können deshalb sagen, daß die Krise unserer Welt in Wahrheit eine Krise der Schönheit ist. Wir leben in einer Welt, in der es nicht nur den Hunger nach Brot gibt, der gestillt werden kann. Es gibt auch einen Hunger nach Schönheit, der nie ganz befriedigt werden kann. José Carlos Mariátegui hat die schöne Maxime vertreten, unsere Welt brauche "nicht nur die Eroberung des Brotes, sondern auch die Eroberung der Schönheit."1

Oh, daß wir doch alle von dieser Versammlung die feste Überzeugung mit nach Hause nähmen, daß Gerechtigkeit zwar mit Brot zu tun hat, ja, daß sie aber noch viel mehr mit Schönheit zu tun hat! Denn gerade in dieser Dimension überträgt sich Gerechtigkeit in die heilige und spirituelle Verpflichtung, die wir auf uns nehmen, um den von Bedrohung und Tod gezeichneten Weltmarkt in eine Welt der Schönheit und des Lebens umzuwandeln. Wie können wir dies erreichen? Durch eine doppelte Anstrengung: durch die Bekräftigung des Lebens und durch die Bekämpfung aller Mächte des Todes.

1991 hat in Rio de Janeiro der Erdgipfel stattgefunden. Das Ereignis wurde auch bekannt als "ECO-92". Mehr als 120 Staatsoberhäupter versammelten sich dort, aber sie nutzten die Gelegenheit als Modenschau, um sich selbst darzustellen. Zu nichts anderem. Und dies hätte das Ereignis des Jahrhunderts werden sollen!

Fünf Jahre sind seither vergangen, aber was ist als Ergebnis des Treffens geschehen? Wer erinnert sich daran? Es ist erwähnenswert, das an dem zentralen Platz, an dem das Ereignis stattgefunden hat, ein symbolischer Baum gepflanzt wurde. Er stand dort während der ganzen Konferenz und an seine Zweige wurden Kinderbotschaften aus aller Welt geheftet.

Es hat aber den Anschein, als seien der Baum des Lebens und mit ihm auch das Leben zukünftiger Generationen vergessen worden, sobald der Erdgipfel vorüber war. Dieser Baum des Lebens ist ein gutes Symbol unserer Zeit und für unsere Zeit. In der Bibel steht er im Zentrum von Gottes Schöpfung. Er steht in der Mitte des Gartens und er steht auf dem Hauptplatz des neuen Jerusalem. Immer der Baum des Lebens. Und immer im Mittelpunkt. Und so sollte es auch auf der Reise vom Garten in die Stadt sein. Der Baum des Lebens wurde ins Herz der Geschichte gepflanzt. Aber die große Tragödie - die wirkliche Sünde der Menschheit - liegt darin, mit welcher Leichtigkeit der Baum des Lebens immer wieder vergessen wird, und mit welcher Gleichgültigkeit die Mächte des Todes, die sich gegen das Leben verschworen haben, hingenommen werden.

Leben, und nicht Tod, ist das letzte Wort der Geschichte. Aus diesem Grund betont Paulus, wenn er von Christus spricht, daß Er Gottes großes Ja zum Leben sei. Auch wir sind in gleicher Weise in Christus berufen, Ja zum Leben zu sagen. Und wenn wir dies tun, treffen wir eine radikale und tiefgründige Entscheidung für den Gott des Lebens. Theologen der Spiritualität nennen dies Loyalität und Treue gegenüber dem Leben, dessen wichtigster und radikalster Ausdruck Gerechtigkeit ist.

Unser Thema, das heißt, das Thema unserer Generalversammlung: "Sprengt die Ketten der Ungerechtigkeit" ist eine Aufforderung zur Gerechtigkeit. Was aber bedeutet es, heute in einer Welt wie der unsrigen Gerechtigkeit zu fordern?

1. Es ist in erster Linie ein Aufruf zur Umkehr.

In einem Punkt stimmen wir alle überein: Wir leben inzwischen in Zeiten einer radikalen Krise. Es ist eine Krise der Zivilisation, eine Sinnkrise, die das Leben in seiner globalen Dimension und in der fundamentalen Bedeutung unserer Kultur betrifft. In abstrakten Begriffen handelt es sich um die Krise eines richtungweisenden Paradigmas. In konkreten Begriffen handelt es sich um die Krise des größten Traums und der größten Utopie, die in den letzten Jahrhunderten der modernen Welt ihren Sinn gegeben hat. Um welchen Traum handelte es sich? Nun, es war der Traum unbegrenzter Entwicklung, des Willens zur Macht, der sich in Form von Herrschaft über andere, über ganze Völker und über die Natur ausdrückte.

Dieser Traum ist aber einem großen Alptraum gewichen: Wir haben die Natur ausgeraubt, wir haben Armut und Elend geschaffen und wir haben den Menschen abgewertet. Wir haben zugelassen, daß wir selbst von den Träumen der großen, befreienden Revolutionen weggetragen wurden: der wissenschaftlichen Revolution, der technologischen Revolution, der kapitalistischen Revolution, der sozialistischen Revolution und der kybernetischen Revolution. Alle diese Revolutionen haben von der menschlichen Ungerechtigkeit her gesehen einen hohen Preis. Millionen von Menschen, Werten und fundamentalen Ressourcen sind auf diesem Weg geopfert worden oder verloren gegangen.

Wir müssen den Mut haben, zuzugeben, daß wir versagt haben. Wir müssen die Würde haben, unser mea culpa zu bekennen und wir müssen die große Illusion aufgeben, daß wir selbst diese Lage mit unseren eigenen Mitteln ändern können. Laßt uns den Mut haben, es ernst zu meinen und zu bekennen, daß wir eine tiefgründige, spirituelle Revolution brauchen, ohne die es weder für uns noch für die Welt irgendeine Hoffnung gibt. Wir müssen den Mut haben, erneut die Herausforderung des Galiläers anzunehmen: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium." Wir brauchen den Mut zur Umkehr, denn Umkehr und Buße bringen vor allem eine Veränderung der Einstellung. Eine Haltungsänderung beginnt aber im Herzen. Der neue Bund, der auf dem Weg der Gerechtigkeit entsteht, muß deshalb in unseren Herzen seinen Anfang nehmen, denn im Herzen finden sich auch die Wurzeln aller Aggression, aller Konflikte, kurz, aller Sünde, die die ursprüngliche Harmonie zwischen allen Lebewesen zerbrochen hat. Laßt uns deshalb mit einer Revolution des Geistes beginnen. Laßt uns mit dem Herzen anfangen. Was bedeutet es, heute Gerechtigkeit zu fordern?

2. Es bedeutet einen Aufruf zur Barmherzigkeit.

Für uns und unsere Welt gibt es keine Hoffnung, wenn wir, und zwar wir alle, nicht der wunderbarsten und evangelischsten aller Gesten, der Geste der Barmherzigkeit fähig sind. Wir sind aufgerufen, Barmherzigkeit zu üben. Dieser Begriff "Barmherzigkeit" sollte hier korrekt verstanden werden. Jon Sobrino drückt es so aus: "Wir sprechen nicht einfach nur von "Barmherzigkeit", sondern vom "Prinzip Hoffnung".2

Barmherzigkeit ist folglich nicht einfach ein schönes Gefühl des Mitleids; und Barmherzigkeit darf auch nicht mit "guten Werken" verwechselt werden, wie lobenswert sie auch sein mögen; und noch viel weniger mit paternalistischen Haltungen, um individuelle oder kollektive Bedürfnisse zu befriedigen. Das Prinzip Barmherzigkeit ist ein Akt der Liebe - eine aufopfernde Liebe, die in die tiefsten Tiefen des Schmerzes und Leidens hinabsteigt, um das Opfer zu erlösen. Dieses Prinzip ist es, von dem Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter spricht, als er von dem Mann erzählt, der aus barmherzigem Herzen handelte.

Unsere Welt schätzt oder toleriert zumindest "Werke der Barmherzigkeit", nicht aber eine prophetische Haltung, die durch das Prinzip der Barmherzigkeit motiviert ist. Wenn Barmherzigkeit die Geschichte als Gerechtigkeit durchdringen will, muß sie all jene zur Rechenschaft ziehen, die sich nicht vom Prinzip der Barmherzigkeit leiten lassen. Die Geschichte ist voll von Priestern und Leviten, die die Barmherzigkeit außer acht lassen. Und was noch schlimmer ist, die Geschichte ist von denen angeführt worden, die das Antibarmherzigkeitsprinzip repräsentieren. Die Mission der Kirche kann deshalb nie auf "Werke der Barmherzigkeit" eingeengt werden, sondern sie muß vom Prinzip der Barmherzigkeit geleitet werden. Die Welt, und scheinbar auch wir, mögen eine Kirche, die "Werke der Barmherzigkeit" praktiziert, wir mögen aber keine Kirche, oder wir haben Schwierigkeiten mit einer Kirche, die vom Prinzip Barmherzigkeit motiviert wird. Erstere gibt sich mit bloßen Gesten des guten Willen zufrieden. Die zweite Art von Kirche kämpft aber und schenkt sich selbst aus Liebe zur Gerechtigkeit.

Aus diesem Grund müssen unsere Herzen und das Herz der Kirche heute voller Barmherzigkeit sein. Was bedeutet es heute, Gerechtigkeit zu fordern?

3. Es bedeutet einen Aufruf zur Solidarität.

Vielen mag es zynisch erscheinen, in unserer heutigen Welt von Solidarität zu sprechen. Und es gibt in der Tat hinsichtlich der Solidarität eine Art Ernüchterung, eine große Desillusionierung. Hugo Assman, der lateinamerikanische Befreiungstheologe, spricht von einer "Blockade der Solidarität" in unserer heutigen Welt. Er bezieht sich nicht auf eine Art generischer Gefühllosigkeit, sondern auf einen echten Kaingeist - eine "Kainisierung", die die Menschen beherrscht. Um es genauer zu sagen, die zwei Drittel oder drei Viertel der Menschheit, die nicht von den regierenden Mächten des Planeten beschützt werden, können nirgendwo ein Dach über ihrem Kopf finden. Sie repräsentieren eine Art Exzess oder Überschuß menschlicher Masse.3 Ist dies eine Übertreibung? Man braucht nur hinzuschauen, wie unsere Welt die "Ausgeschlossenen", die Unerwünschten, die eine solche Plage sind, behandelt. Leonardo Boff ist jedoch im Gegensatz zu Assman weiterhin optimistisch, wenn er von Solidarität spricht. Boff hat wörtlich gesagt: "Solidarität ist auf jeder Ebene wichtig, vor allem aus internationaler Sicht" Und er schließt so: "Statt der Globalisierung der Wirtschaft und der Produktionsformen sollten wir die Solidarität globalisieren."4

Dies mag utopisch erscheinen. Und das ist es auch. Aber auch das Utopische ist Teil der Wirklichkeit und keine Flucht aus der Realität. Es ist nichts anderes als die Entdeckung, daß wir noch nicht am Ende der Geschichte angelangt sind, daß das Ergebnis der Geschichte noch nicht feststeht und daß wir für ein glücklicheres, menschliches Zusammenleben und bessere Beziehungen arbeiten sollten und können. Unsere Welt braucht wirklich Solidarität. Und wir alle brauchen einander und wir alle können einander und allen Menschen an jedem Ort helfen. Die Geschichte der Beziehungen zwischen Nord und Süd, die so entscheidend in der heutigen Welt ist, ist ein traurige Geschichte gewesen. Dies muß aber nicht notwendigerweise so bleiben. Diese Geschichte kann sich verändern und sie wird sich auch auf die eine oder andere Weise verändern. Der Norden kann und sollte dem Süden helfen, damit dort ein Mindestmaß an Würde und Gerechtigkeit möglich wird. Und der Süden sollte in eine große spirituelle Reserve für den Norden umgewandelt werden. Es kommt darauf an, die Idee und das Ideal der einen menschlichen Familie wiederherzustellen.

Ich möchte schließen mit einer modernen Legende von spiritueller Dimension, die diese Überlegungen gut veranschaulicht.

Es war einmal ein älterer und heiliger Mönch, dem Christus in einem Traum erschien. Der Herr lud den Mönch ein, mit ihm durch den Garten zu wandern, was der Mönch mit Begeisterung und Neugier annahm. Nachdem sie eine Weile im Garten gelaufen waren, fragte der Mönch: "Herr, als du damals in Palästina herumwandertest, sagtest du einmal, du würdest eines Tages in aller Kraft und Herrlichkeit wiederkommen. Das hast du aber ziemlich hinausgezögert, Herr! Wann wirst du denn kommen?" Nach einem Augenblick des Schweigens, der dem Mönch wie eine Ewigkeit erschien, erwiderte der Herr: "Mein Bruder, wenn meine Gerechtigkeit im Universum und in der Natur offenkundig wird, wenn sie unter deine Haut geht und in deinem Herzen wohnt; wenn sie den höchsten Wert aller Dinge darstellt; wenn sie sich in die größtmögliche Entrüstung gegen alle Uneinsichtigkeiten der Macht verkehrt; wenn sie zum fast unstillbaren Durst nach Leben und Freiheit wird; wenn die Verbindung zwischen dem Hunger nach Gott und dem Hunger nach Brot nicht größer sein kann; wenn meine Gerechtigkeit so wirklich wird wie meine Gegenwart hier und jetzt, und wenn dieses Bewußtsein so sehr ein Teil deines Leibes und deiner Seele wird, daß du dir dessen nicht mehr bewußt bist; wenn diese Wahrheit dich so vollkommen durchdringt, daß du nicht länger aus Neugier die Frage zu stellen brauchst wie eben, dann, aber erst dann, mein Bruder, werde ich zurückgekommen sein in aller meiner Kraft und Herrlichkeit."

 

Fußnoten

1 Mariátegui, Carlos. Siete ensayos sobre la realidad peruana.Von Hugo Assmann zitiert in "Espiritualidade solidária e beleza", ein Artikel, der in Revista Grande Sinal veröffentlicht wurde;48. Jahr, Nr. 2, p.134, Instituto Teológico Franciscano, 1994.

2 Sobrino, Jon. O Princípio Misericórdia, S.32, Ed. Vozes, 1994.

3 Assmann, Hugo, Desafios e Falácias, S.15, Ed. Paulinas, 1991.

4 Boff, Leonardo, Ecologia, Mundialização, Espiritualidade, S.106, Ed. Ática S/S, 1993.

 

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