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Semper Reformanda |
Botschaft der 23. Generalversammlung |
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Wir haben uns in Debrecen in der historischen Großkirche getroffen, die im Laufe der Jahrhunderte Schauplatz so vieler mutiger Taten und Erklärungen zur Verteidigung des reformierten Glaubens an unseren Herrn Jesus Christus gewesen ist. Wir sind durch unsere Kontakte mit dem Volk und der Führung der Reformierten Kirche Ungarns gewachsen, die beständig getreues Zeugnis ablegt und heute auf beeindruckende Weise an Stärke gewinnt.
Jetzt wo diese Generalversammlung auf ihr Ende zugeht, erinnern wir uns erneut an die Worte Jesajas (Jes. 58,6): Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe;
Wir erwidern Gottes Wort, indem wir Gottes Gnadenbund bezeugen, der uns befreit und freudig bereit macht, unsere Rolle in Gottes Lebenshaushalt zu übernehmen. Ohne die Gnade Gottes in Jesus Christus wäre der Kampf für Gerechtigkeit eine weitere hoffnungslose Last. In Jesus Christus sind wir aber dazu befreit, nicht nur für uns selbst zu leben, sondern für Gott und unsere Nächsten. Wir haben darum gebetet, die moralische Dringlichkeit dieses Augenblicks der Geschichte zu erkennen und zu verstehen. Wir waren beeindruckt von den klaren Botschaften aus den Vorkonferenzen der Frauen und Jugendlichen. Wir wurden hellhörig durch die Worte von Kirchen, die von Mehrheitsregimen unterdrückt oder von politischer oder ethnischer Gewalt geplagt werden. Wir haben von Angehörigen anderer Kulturen gehört, die von Ausrottung bedroht sind. Wir haben den Worten von Delegierten Aufmerksamkeit geschenkt, die eine Vielfalt spezieller brennender Fragen angesprochen haben. Wir befinden uns nicht alle am gleichen Punkt im Begreifen und Entfalten historischer Erfahrungen. Fragen, die auf einem Kontinent oder in einer Kultur wichtig sind, sind nicht zwangsweise auch für andere aktuell. Wir sind uns in keinster Weise immer einig gewesen. Manchmal ähnelten die inneren Auseinandersetzungen den Kämpfen der Kirche und der Welt, die uns so sehr am Herzen liegen. Wir wissen jedoch, daß wir uns alle zusammen auf eine einzige globale Zivilisation des 21. Jahrhunderts zubewegen, die von der Technologie, der weltweiten Kommunikation und einem globalen Marktsystem beherrscht wird, wodurch die Gefahr besteht, daß bestimmte Lebensweisen wie unsere eigene an den Rand gedrängt werden. Christliche Nachfolge hat heute nicht nur etwas mit persönlichem Verhalten in der Familie und im Gemeindeleben zu tun - so wichtig diese Bereiche für unsere Integrität und Glaubwürdigkeit auch sind - sondern auch mit sozialer Gerechtigkeit in einer solchen Welt und der Schaffung von Bedingungen, die das Weiterbestehen des Lebens auf der Erde unter Bewahrung der Schöpfung ermöglichen. Es ist überhaupt nicht sicher, daß eine weltweite Katastrophe vermieden werden kann, wenn der derzeitige Kurs in der menschlichen Weiterentwicklung beibehalten wird. Die Erkenntnisse der Wissenschaft im Bereich der Umweltzerstörung sind nur allzu klar. Die Warnungen von Wirtschaftswissenschaftlern bezüglich der Nachhaltigkeit der gegenwärtigen Markttendenzen sind nicht zu überhören. Es gibt keine Garantie für die Weiterentwicklung des Menschen, keine Gewißheit, daß menschliche Institutionen die Bedrohungen des Lebens auf diesem Planeten in den Griff bekommen können. Es ist auch nicht gesagt, daß wir Christen bereit sind, uns diesen Problemen zu stellen oder überhaupt einen nützlichen Beitrag zu ihrer Lösung zu leisten. Wir geben zu, daß wir für mehrere kulturelle Verhaltensweisen, die der Welt heute zu schaffen machen, mitverantwortlich sind, zum Beispiel Individualismus, ethnischer Partikularismus, Rassismus und Männerherrschaft über Frauen. Wir sind umgeben von Kulturkriegen, die unsere Gemeinschaften und Gemeinden polarisieren und spalten. Wir kämpfen mit Meinungsverschiedenheiten bei der theologischen Auslegung und divergierenden moralischen Vorstellungen. Die Leitthemen unserer Generalversammlung - Einheit, Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung und Partnerschaft in Gottes Mission zusammen mit den entsprechenden spezifischen Fragen - haben sich als eng miteinander verknüpft erwiesen. Kein Thema kann getrennt von den anderen behandelt werden. Nur wenn wir alle Berichte der 23. Generalversammlung lesen, erkennen wir die Ausgewogenheit sowie die besondere Richtung und Kraft dessen, was wir zusammen erarbeitet haben. Wir sind beeindruckt, daß Anliegen mit praktischer Bedeutung Vorrang haben. Fast alle unsere Diskussionen drehten sich schließlich um die Frage: Wie sollen wir leben? Diese Frage wirft selbstverständlich noch weitere auf: Wie leuchtet unser Glaube in unseren Lebensweisen durch? Wie gelangen wir von der theologischen Überzeugung zur ethischen Einsicht? Wie können christliche Gemeinden nicht nur ethische Überzeugungen haben, sondern Gemeinschaften sein, die Gottes Absicht einer gerechten Welt durch praktisches Handeln fördern? Mit solchen Fragestellungen wenden wir uns an die Kirchen unserer eigenen Konfession, andere christliche Kirchen sowie an die Kulturen, Institutionen und religiösen Gemeinschaften der Welt. An die reformierten Kirchen der ganzen Welt: Mitglieder und Nichtmitglieder des Weltbundes.Im Mittelpunkt unseres Glaubens steht eine Verheißung des Evangeliums, die uns in die Welt hinaustreibt, damit wir nach Gerechtigkeit streben. Gerechtigkeit ist nicht etwas, was sich aus dem Glauben ergibt oder durch den Glauben vorausgesetzt werden kann. Gerechtigkeit zu üben ist in sich schon ein Mittel, um den Glauben an Jesus Christus zu bekennen. Wir müssen dieser Überzeugung entschlossen folgen und gleichzeitig versuchen, besser zu verstehen, was sie bedeutet. Angesichts der heutigen Bedrohungen des Lebens müssen wir uns Gott gegenüber als eine Gemeinschaft freudigen Gehorsams verstehen. Wir können auf eine lange Geschichte von Glaubensbekenntnissen zurückblicken, die in Schriften überliefert sind und das Verständnis von Gottes Wort zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten darstellen. Es ist uns aber weder gelungen, zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte ein gemeinsames Glaubensbekenntnis abzulegen, noch haben wir dies als unabdingbare Notwendigkeit erachtet. Ein gemein-sames Verständnis unseres Glaubens ist heute aber dringlicher denn je. Sollte ein solcher Schritt jetzt unternommen werden, so würde es wahrscheinlich nicht genügen, nur die Themen zu wiederholen, die durch unsere schriftlichen Bekenntnisse bereits ausreichend abgedeckt sind. Es wird stattdessen auf neuen Wegen geschehen, unter anderem durch Prozesse, durch die wir Klarheit zu gewinnen suchen für ganz bestimmte moralische Fragen, und durch Bundesschlüsse, die uns dank der Gnade Gottes helfen, in Übereinstimmung mit den Wahrheiten zu leben, an die wir glauben und die wir neu entdecken. Wir verpflichten uns, gemeinsam daran zu arbeiten, den Zusammenhang zwischen dem Glauben, wie wir ihn in der Vergangenheit verstanden haben, und den drängenden Notwendigkeiten des Lebens im 21. Jahrhundert zu verstehen und durch Wort und Tat zu leben. An die christlichen Kirchen der WeltWir bekennen uns von Neuem zu unserem gemeinsamen apostolischen Glauben sowie zu unserer engagierten Mitarbeit in der ökumenischen Bewegung. Trotz der Unterschiede, die uns immer noch in einigen Fällen daran hindern, volle Gemeinschaft miteinander zu haben, fragen wir, weshalb wir nicht zusammen danach trachten sollten, der Welt den so notwendigen praktischen Gehorsam gegenüber dem Evangelium vorzuleben. Wäre es auf dem Weg dorthin nicht nützlich, zu vergleichen, wie unsere verschiedenen Glaubenstraditionen von der theologischen Überzeugung zur ethischen Einsicht gelangen? Wir laden andere christliche Kirchen dazu ein, sich auf ihre eigenen Einsichten und Begriffe zu besinnen und diese Fragen zusammen mit uns zu ergründen und uns dort zu helfen, wo unsere Erkenntnisse unvollständig sind. Wir wissen, daß es bisher keinen ökumenischen Konsens zu diesen Fragen gibt, weder allgemein, geschweige denn in den Kirchen reformierten Glaubens. Wenn die Pläne weiterverfolgt werden, uns anläßlich der Jahrtausendwende zu einem universalen Konzil zu verpflichten, sollte der Beziehung zwischen unserem Verständnis von Glauben, von Gottes Gnade in Jesus Christus und von einem gottgefälligen Leben im Haushalt Gottes ein hoher Stellenwert eingeräumt werden. An die Menschheit und ihre Religionen, Kulturen und InstitutionenWir sind zusammen mit allen anderen Menschen Mitglieder der Gemeinschaft unseres Planeten. Wir sind bereit, uns mit Menschen anderen Glaubens oder denen, die sich zu keinem Glauben bekennen, im Kampf gegen das Böse zu verbünden und das Gute in dieser unserer Welt zu fördern. Viele unserer eigenen Mitglieder spielen eine wichtige Rolle in grundlegenden wirtschaftlichen, politischen, beruflichen, akademischen und anderen Institutionen der heutigen Welt. Diese Menschen und Institutionen sollen wissen, wie sehr uns die götzenhafte Spiritualität besorgt, die als treibende Kraft hinter den charakteristischen Hauptanliegen dieser Welt, vor allem im wirtschaftlichen Bereich liegt. Es gibt kein unumstößliches Gesetz, das besagt, daß die Dinge so bleiben müssen wie sie sind. Wir sind der Überzeugung, daß sie geändert werden müssen. Wir sind bereit, uns mit denen auf den Weg zu machen, die spüren, daß mit unserer Welt etwas nicht in Ordnung ist, jedoch das Gefühl haben, innerhalb ihrer Institutionen nicht auf solche Anregungen des Geistes reagieren zu können. Wir sind bereit, von denen zu lernen, die vielleicht auf dem Wege der moralischen Erkenntnis weiter fortgeschritten sind als wir. Wir haben tiefsten Respekt für das Zeugnis unserer jüdischen Brüder und Schwestern. Wir können viel von der Arbeit weltlicher Ethiker lernen, die lange und hart an der Definition von Menschenrechten, Gerechtigkeit und menschlicher Gemeinschaft gearbeitet haben. Wir respektieren auch die ethischen Ansichten anderer religiöser Traditionen. Trotz der Unterschiedlichkeit der letztendlichen Verpflichtung besteht kein Anlaß, die Zusammenarbeit zu verweigern, wenn wir erkennen, daß die praktischen Auswirkungen verschiedener Ansichten kongruent sind. Machen wir einen Anfang, jetzt und hier! Hinter allen anderen Fragen steht die Illusion von Macht und Herrschaft. Es hat etwas mit Besitz zu tun. Wen oder was glauben wir wirklich zu besitzen, zu unserer Verfügung zu haben oder zu kontrollieren? Uns selbst? Andere Menschen? Den Lauf der Geschichte? Die Zukunft der Erde? Oder hat Johannes Calvin die Wahrheit gesprochen, als er all dies ganz zu Beginn bereits in Frage stellte, indem er immer wieder schrieb: "Wir gehören nicht uns selbst"? Wir haben unsere Worte an andere gerichtet. Jetzt müssen wir für uns selbst sprechen. Wir, die Teilnehmenden der 23. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes, bekennen uns hiermit zur Erklärung von Debrecen. Wir haben sie unterzeichnet. Wir fordern unsere Mitgliedskirchen und Gemeinden auf, dies ebenfalls zu tun.
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