Accra 2004
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Calvin und die Armen

Zu Calvins Zeiten lebten in Genf etwa zehntausend Menschen. Genf war eine der europäischen Städte, die am Ende des Mittelalters für den Handel große Bedeutung gewannen.

Die wirtschaftliche Lage hatte sich verändert. Die Menschen waren von der bäuerlichen Leibeigenschaft der Feudalzeit befreit, in der eine ungebildete und geknechtete Arbeiterschaft dem Herrn in seinem Schloss diente. In den neuen Städten, die im vierzehnten Jahrhundert nach dem Schwarzen Tod (der Pest) entstanden, entwickelte sich eine neue, gebildete Mittelklasse und diese Klasse wurde protestantisch.

In Genf wurden die Bürgerinnen und Bürger nach der Vertreibung des letzten Bischofs gleichzeitig republikanisch und protestantisch. Engagierte Protestanten konnten ihre eigenen Bibeln lesen und waren gebildet genug, um den Predigten Calvins folgen zu können.

Die Genfer, die die Kirche reformierten, reformierten auch den Staat. Calvin gab nicht vor, ein allgemein anwendbares System zur Armenfürsorge einzurichten. Die städtischen Armen und die zahlreichen Flüchtlinge, die nach Genf hereinströmten, brauchten aber ein Fürsorgesystem.

Auch wenn Calvin großem Reichtum gegenüber argwöhnisch war, so betrachtete er es dennoch nicht als Tugend, arm zu sein. Mit einer Ausnahme: er war der Ansicht, dass die Armen weniger Versuchungen ausgesetzt waren. Private Mildtätigkeit war nicht gefragt, da die Genfer der Überzeugung waren, die ganze Gesellschaft habe die Pflicht, Gott zu verherrlichen und zu dieser Pflicht gehörte auch die Beseitigung von Armut.

In derselben Woche, in der Genf im Jahre 1536 der Reformation zustimmte, wurden zwei wichtige soziale Einrichtungen gegründet. Die eine war die Abteilung für öffentliche Schulausbildung und die andere das Hospiz. Bildung sollte allen Knaben, einschließlich der Waisenknaben, allgemein und kostenlos zugänglich sein und die Kranken und Bedürftigen sollten versorgt werden.

Die Genfer haben also in ihrer neuen, säkularen und protestantischen Gesellschaft die Arbeit der Klöster fortgeführt. Sie gingen noch weiter und erhoben die Diakone in den Rang eines Amtes. Diakone übten also eines von Calvins vier "Ämtern" aus, denen die Rolle anvertraut war, Menschen zu betreuen, die nicht für sich selbst sorgen konnten.

Zu Calvins Zeiten wurde harte Arbeit als Tugend angesehen. Mit Hilfe der sozialen Einrichtungen bildete sich eine moralische Erneuerung und christliche Charakterbildung heraus. Es wurde persönliche Verantwortung gepredigt und auch von den Armen wurde erwartet, selbstverantwortlich zu handeln. Um ihr Los zu verbessern, wurden eine Reihe von Verordnungen eingeführt - insbesondere die, dass die Armen auf Kredite keine Zinsen zahlen brauchten. Die Faulen und die Betrunkenen wurden natürlich verurteilt.

Calvin und die Bibel (2Thess 3,10; Ps 128,2 und Spr 10,4)

Calvin hatte eine große Vorliebe für einen Text, der sich im heutigen Kontext ziemlich hart anhört - "wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen" (2Thess 3,10). In seinem Kommentar zu diesem Text stellt Calvin einen Zusammenhang her zu Psalm 128,2, wo es heißt, "Du wirst dich nähren von deiner Hände Arbeit; wohl dir, du hast's gut." Er benutzt also die positive Interpretation und lässt die Vorstellung, dass der Faule hungern müsse, beiseite.

Calvin förderte auch die protestantische Arbeitsethik, indem er Sprüche 10,4 zitiert: "aber der Fleißigen Hand macht reich". Es wird also beteuert, dass es eine Würde der Arbeit gibt und impliziert, dass die Arbeiter ein Recht darauf haben, ihre Arbeit gerne zu tun und Gewinn aus ihr zu ziehen. Dies könnte als Anfang einer Theologie von Arbeiterrechten gesehen werden.

Calvin war überzeugt davon, dass Leute, die nicht arbeiten, auch kein Recht hätten, von der Arbeit anderer zu profitieren. Dies hat nichts zu tun mit den Armen aber viel zu tun mit den Faulen. Calvin behauptet, Müßiggang sei von Gott verflucht, aber die Armen müssten von den Diakonen betreut werden. Ihnen müsste durch zinslose Darlehen finanziell geholfen werden und sie könnten davon profitieren, wenn die Kirchen Güter verkaufen zu ihrer Unterstützung. Kinder von Armen sollten kostenlose Schulbildung erhalten.

Calvin interpretiert den Text als eine Anleitung für die Thessalonicher, Faulheit nicht dadurch zu unterstützen, dass sie ihre Mittel mit denen teilen, die nicht arbeiten und sie nicht brauchen. Er prangert jene an, die vom Schweiß der anderen leben, aber nichts tun, um den Menschen zu helfen. Er spricht also nicht von den Armen allgemein, noch von den Arbeitslosen, sondern über jene, deren Rolle es ist, für ihre Familie zu sorgen.

Wie kann dieser Text uns helfen, angesichts der Probleme unserer Zeit herauszufinden, wie wir auf Gottes Willen antworten sollen?

Fragen

  1. Calvin unterscheidet zwischen Leuten die arbeiten und den Menschen, die von der Arbeit anderer profitieren. Welchen Zusammenhang sehen Sie hier zum Wirtschaftssystem in Ihrem Land, wenn es um christliche Gerechtigkeit geht?
  2. In Calvins Zeiten brauchten die Armen keine Zinsen zu zahlen auf ihre Schulden und die Waisen wurden kostenlos ausgebildet. Trifft dies auf Ihre Gesellschaft zu, wenn nicht, warum nicht? Wie setzt sich Ihre Kirche in ganz praktischer Weise für Gerechtigkeit ein?
  3. Befürwortet Ihre Gemeinde mehr das individuelle Spenden oder stärker gemeinschaftliche Aktionen? Welches Verhalten entspricht stärker der reformierten Tradition?
  4. Es ist traditionell reformierte Praxis, nicht so sehr anderen Ratschläge zu erteilen als vielmehr dadurch die Welt verbessern zu helfen, indem man persönliche Verantwortung übernimmt. Wie lässt sich dies im Blick auf Ihr Leben anwenden?

Gebet

O Gott, wir danken dir für all die guten Dinge, die du uns gegeben hast.
Gib, dass wir sie großzügig mit anderen teilen.

Hilf uns zu erkennen, dass alles, was wir tun, in deinen Augen wichtig ist.
Gib, dass wir unser Leben an deinem Evangelium ausrichten
- und nicht nur an Theoretikern.

Hilf uns, Verantwortung zu übernehmen für die Probleme dieser Welt
und mache aus uns Anwälte und Befürworterinnen von Veränderung.

Gib, dass wir vor allem anderen das Reich Gottes suchen und Gottes Gerechtigkeit,
und dadurch zu wirkungsvollen Zeugen deiner verwandelnden Gnade werden.

durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Autor

William McComish kommt aus Irland, lebt aber in Genf, Schweiz. Er ist Pfarrer der Protestantischen Kirche in Genf und dient als Dekan an der Kathedrale St. Pierre. Er ist Schatzmeister des Reformierten Weltbundes.

 

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