Accra 2004
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Ich war blind aber nun sehe ich

Dies ist eine wahre Geschichte, aber gleichzeitig auch eine Geschichte, die mit anderen Namen überall geschehen kann. Sie erzählt von der Erfahrung und dem Mut unzähliger afrikanischer Frauen und würdigt ihr mitfühlendes Engagement, trotz aller Armut den durch HIV/AIDS betroffenen und infizierten Menschen beizustehen.

MamaThembis Geschichte

MamaThembi, eine unverheiratete Hausangestellte mit fünf Kindern arbeitete sehr viel und verdiente sehr wenig. Ihr Leben war ein täglicher Überlebenskampf, aber MamaThembi war von einer Vision beseelt, ihren Kindern eine gute Schulbildung zu geben, damit sie gute Jobs finden und starke Familien gründen konnten. Ihr Durchhaltevermögen kam aus ihrem Glauben an Gott und durch ihre Ortsgemeinde.

MamaThembis harte Arbeit machte sich bezahlt. Ihre älteste Tochter Phiwe schloss ihr Studium ab, qualifizierte sich als Krankenschwester, heiratete einen Lehrer und wurde mit der Schwangerschaft von Zwillingen gesegnet. Zwei Monate vor dem Geburtstermin wurde MamaThembi ins Krankenhaus gerufen, wo Phiwe auf der Intensivstation lag. Auf die Ärzte wartend streiften MamaThembis Augen die Poster über HIV/AIDS. Sie hatte davon schon im Radio gehört und wusste aus ihrer Kirche, dass dies eine schändliche Krankheit war - eine Strafe von Gott für sexuelle Unmoral.

Der Arzt gab dann die Nachricht bekannt. Beide Zwillinge und Phiwe waren HIV positiv. Die Worte erfüllten MamaThembi mit großer Angst. Sie war verwirrt und schamerfüllt. Phiwe fühlte genauso. Sie konnte nichts anderes tun als ihre Mutter zu fragen, was sie getan hätte um diese Gottesstrafe zu verdienen. Sie fühlten sich beide verdammt und verlassen. Ihr Pfarrer versuchte MamaThembi zu trösten, aber das war nicht einfach. Er hatte sie ja gelehrt, dass HIV/AIDS eine Strafe von Gott sei.

Phiwe und ihre Zwillinge starben im Laufe des Jahres. Ihre Pflege hatte alle Ersparnisse von MamaThembi aufgebraucht, sodass der tägliche Überlebenskampf immer noch schwerer wurde.

Die Zeit verging und eines Abends spät klopfte es an der Tür. Draußen standen zwei kleine Kinder - Waisen, die um etwas Essbares bettelten. MamaThembi teilte mit ihnen, was sie hatte. In den folgenden Tagen wurde ihr klar, wie viele arme Kinder es in ihrer Gemeinschaft gab, die durch HIV/AÌDS zu Waisen wurden.

Schließlich verstand MamaThembi, dass Gott sie nicht verlassen hatte, sondern zum Dienst in ihrer Gemeinde berufen wollte. Ihre Erfahrung öffnete ihr die Augen für die Arbeit, die Gott für sie vorgesehen hatte. Sie hatte eine vielgeliebte Tochter verloren, aber eine neue Vision gewonnen!

Jesus und der Blindgeborene (Joh 9,1-12)

Die Geschichte im neunten Kapitel bei Johannes ist mit den anderen Heilungsgeschichten in den Evangelien vergleichbar, vor allem mit denen, die zu hitzigen Debatten zwischen den Geistlichen führten. Diese Geschichte ist jedoch insofern einmalig als sie zunächst mit einer theologischen Frage beginnt, danach Jesu Antwort beschreibt und mit der Erfahrung des Blinden endet.

"Wer hat gesündigt?" heißt die im zweiten Vers gestellte Frage. Sie lässt erkennen, dass die Jünger davon ausgingen, dass einige Krankheiten mit Sünde verbunden sind. Die Fragen, die wir angesichts solchen Leidens stellen, sagen etwas aus über das, was wir glauben. Welche Fragen also stellen wir, wenn wir mit Krankheit und Leiden konfrontiert werden - dem eigenen oder dem anderer Menschen?

Jesus lehnt es ab, das Leiden an einer Krankheit in Verbindung mit der Sünde des Kranken zu sehen. Weder der Mann noch seine Eltern haben gesündigt. Jesus sagt nicht, sie seien ohne Sünde, hebt aber hervor, dass die Blindheit des Mannes nicht durch eine bestimmte Sünde verursacht war.

Jesus verschiebt die Aufmerksamkeit von der Ursache auf den Zweck. Das Leiden bietet Gott eine Handlungschance. Wir sollten deshalb nicht fragen "Wer hat gesündigt?", sondern "Was hat Gott in dieser Situation mit uns vor?"

Jesus antwortet auf Krankheit und Leiden indem er handelt. Ganz konkret räumt er den Grund des Leidens partnerschaftlich mit dem Leidenden aus dem Weg - und gibt so ein Beispiel für Befähigung.

Die Begegnung mit Jesus bewegt den Blinden so sehr, dass er die passive Akzeptanz seines Schicksals aufgibt und sich aktiv an seiner eigenen Heilung beteiligt und schließlich mutig seinen Glauben bekennt. Der Glaube an seine Erfahrung mit Jesus befähigt ihn, den Angriffen der Geistlichen standzuhalten. Wie reagieren wir auf die Gotteserfahrungen von anderen, wenn sie sich von den unseren unterscheiden?

Im Jahr 2001 lebten weltweit 40 Millionen Menschen mit HIV/AIDS. In Afrika südlich der Sahara leben 10% der Weltbevölkerung, aber 70% aller weltweit mit HIV-Infizierten (28,1 Millionen). Mehr als die Hälfte aller Infizierten sind Frauen. Erschütternd ist auch die Zahl von 2,4 Millionen infizierten Kindern. Im Jahre 2001 starben in Afrika südlich der Sahara schätzungsweise 2,3 Millionen Menschen, einschließlich 500,000 Kindern an HIV/AIDS.

Aber die Epidemie endet hier nicht. Millionen von Kindern sind durch diese Krise zu Waisen geworden. In Afrika südlich der Sahara wird es bis 2010 44 Millionen Waisenkinder geben.

(Quelle: UNAIDS)

Fragen

  1. HIV/AIDS und unsere Gemeinschaft. Wie denkt Ihre Kirche über HIV/AIDS - und über Menschen, die mit HIV/AIDS leben? Ist die Krankheit eine Strafe von Gott? Ist sie mit sexueller Unmoral gekoppelt? Oder ist dies zu einfach gedacht?
  2. HIV/AIDS und Armut. Welche Verbindung gibt es zwischen Armut und HIV/AIDS? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen HIV/AIDS und Gerechtigkeit?
  3. HIV/AIDS und Glaube. Welche Herausforderungen stellt diese HIV/AIDS-Pandemie an die Kirche, an den Glauben, an die Theologie? Wie hat sie unseren Umgang mit Sexualität, mit der Genderfrage, vor allem der Erfahrung von Frauen und der fragilen Verbundenheit allen menschlichen Lebens verändert?
  4. HIV/AIDS und das Evangelium. Was sagt uns die Botschaft des Evangeliums heute im Kontext von HIV/AIDS?
  5. Andere Gesundheitsfragen der Gemeinschaft. Welche anderen Gesundheitsfragen oder Krankheiten beschäftigen Ihre Gemeinschaft? Wie erreichen Sie mit dem missionarischen Dienst Ihrer Kirche die Betroffenen? Wie kann die Kirche inmitten solchen Leidens ein Leben in Fülle bezeugen?

Gebet

Gott, wir bekennen, dass wir in all dem Leiden, das mit HIV/AIDS über uns hereingebrochen ist, nicht immer die richtigen Fragen gestellt haben.

Wir haben gefragt, "Wer hat gesündigt?"

Wir haben beschuldigt, verurteilt und stigmatisiert.

Und wir haben es in deinem Namen getan.

Vergib uns, Herr, unsere Überheblichkeit und gib uns den Mut, öffentlich Buße zu tun.

Segne uns mit deinem Geist und deiner Weisheit.

Öffne unsere Augen, dass wir sehen, wie du dich immer wieder neu zu erkennen gibst durch die Erfahrungen derer, die wir an den Rand gedrängt haben - Frauen, Kinder, Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, Prostituierte und Arme.

Wir danken dir, dass du uns zur menschlichen Solidarität, zur Heiligkeit menschlicher Sexualität und zur globalen Gerechtigkeit zurückrufst.

Amen.

Autorin

Nontando M Hadebe lebt in Südafrika. Sie war Direktorin des Instituts für Kontextuelle Theologie. Zur Zeit arbeitet sie an einer Doktorarbeit über die Schnittpunkte zwischen Religion, Genderfragen und der AIDS-Pandemie. Sie hilft Kirchen bei der Entwicklung von HIV/AIDS-Diensten.

 

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