|
Accra 2004 |
Das Leben steht auf dem SpielIn den Vereinigten Staaten wird Justitia durch eine Frau mit verbundenen Augen symbolisiert, die in der einen Hand ein Schwert und in der anderen eine Waage hält. Sie soll für einen fairen, wirksamen und unvoreingenommenen Umgang mit Recht und Gerechtigkeit bürgen. Leider sind Justizsysteme oft in einem weniger positiven Sinne blind - geblendet durch Vorurteile und Diskriminierung, die die Kreisläufe von Gewalt und Leiden fortsetzen. Tötet nicht um meinetwillen!Die durch Vorurteile geblendete Justiz hatte kein Verständnis für eine junge Frau aus Florida, die flehentlich darum bat, das Leben des Mannes zu retten, der ihren Vater ermordet hatte. "Nicht in meinem Namen" rief SueZann Bosler dem Staatsanwalt zu, denn ihr Vater war überzeugt gewesen, dass die Todesstrafe Sünde sei. Sie wollte, dass der Gerechtigkeit durch Heilung und nicht durch noch mehr Gewalt zum Recht verholfen würde. In zwei verschiedenen Gerichtsverhandlungen überzeugte der Staatsanwalt die Geschworenen, dass der junge Mann, der Pfr. Billy Bosler erstach, hingerichtet werden sollte, um vor der Gemeinschaft ein Exempel zu statuieren". Der Richter erklärte SueZann in beiden Verfahren, die Meinung ihres Vaters über die Todesstrafe sei irrelevant und das Schicksal seines Mörders, James Bernard Campbell, sei nicht ihre Sorge. SueZann, überzeugt, dass dies sehr wohl ihr Anliegen war, startete eine öffentliche Kampagne gegen die Todesstrafe. Sie fand heraus, dass James ein typischer Todeskandidat war. Er war schwarz, arm und mental geschädigt. SueZann entdeckte, dass die Todesstrafe einem politischen Zweck dient, nämlich die Illusion zu wecken, es würde etwas unternommen, um vor Straftaten abzuschrecken. Die Befürworter der Todesstrafe behaupten fälschlicherweise, sie würde weniger kosten als lebenslange Haft und die Opfer und Überlebenden von Gewaltakten könnten damit besser fertig werden. SueZann führte einen langen und schmerzlichen Kampf um eine Gerechtigkeit, die zur Heilung beiträgt. Da die Durchführung der ersten beiden Verfahren nicht verfassungsmäßig war, gab es eine dritte Verhandlung. SueZann wurde unter Strafandrohung vorgeladen, um als Zeugin auszusagen über den Tag, an dem ihr Vater ermordet wurde. Der neue Richter warnte SueZann, sich an die Fakten zu halten und auf ihre eigene Meinungsaussage zu verzichten. Er drohte ihr mit Missachtung und einer Haftstrafe, falls sie seine Anweisungen nicht befolgte. SueZann, die beschuldigt worden war, ihren Vater nicht zu lieben, weil sie die Höchststrafe für seinen Mörder nicht akzeptierte, sagte einem Reporter aus Miami, genauso wie der Staatsanwalt seine Pflicht tue, so tue auch sie nur das, was sie tun müsse. Sie versuche, das Leben ihres Vaters zu würdigen, indem sie um das Leben seines Mörders kämpfe! Als der Staatsanwalt dann vor Gericht SueZann bat, ihren Namen, Adresse und ihren Lebensunterhalt zu nennen, antwortete sie: "Ich bin Frisörin und arbeite für die Abschaffung der Todesstrafe". James Bernard Campbell wurde bei der dritten Verhandlung nicht zum Tode verurteilt, sondern zu einer lebenslänglichen Haftstrafe. Der Richter erkannte am Ende der Verhandlung schließlich an, dass SueZann das Recht habe, James Bernard Campbell die Ermordung ihres Vaters zu vergeben. Bringe uns, Herr, zu dir zurück, damit wir heimkommen und Heilung finden (Klgl 5,21)Heilung und Versöhnung, die ihren Ausdruck in Liebe, Mitgefühl und wiederherstellender Gerechtigkeit finden, zeichnen Leben und Dienst Jesu Christi aus. Wir brauchen nur an Jesu Antwort zu denken, als die Menge die Ehebrecherin steinigen wollte (Joh 8,7), oder an sein Gebot, unsere Feinde zu lieben (Lk 6,27) und an unsere Pflicht, einander zu vergeben, wie Gott uns in Christus vergeben hat (Eph 4,32). Wiederherstellende Gerechtigkeit möchte durch Rückbesinnung auf Gott zur Heilung beitragen. In den Paulusbriefen an die Korinther (2Kor 5,18-19) und an die Galater (Gal 6,1-2) werden Versöhnungsdienste beschrieben und an die Entfremdeten und Verlassenen erinnert. Unser Glaube erfordert nicht, dass wir schroff und hart urteilen und verdammen, sondern dazu beitragen, dass Beziehungen geheilt und wiederhergestellt werden können und auf Rache verzichtet wird. Wenn wir an das fünfte Gebot denken "Du sollst nicht töten" und an Gottes eigene Antwort an Kain, nachdem er seinen Bruder Abel getötet hatte, können wir die Größe Gottes ermessen. Die Anweisungen im 5. Mosebuch "Auge um Auge" und "Leben um Leben" sind dazu gedacht, den Schadenersatz zu begrenzen. Gott achtet in seiner Gerechtigkeit auf das Recht, dass den Bedürftigen Gerechtigkeit und Liebe widerfährt und sie bekommen, was sie brauchen (5Mo 10,17). Wenn etwas Schlimmes passiert, reagieren Menschen ganz unterschiedlich. Was war in dieser Situation für SueZann wesentlich? Was trieb James, den Mörder ihres Vaters? Was bewegte die Gemeinschaft? Heilendes Recht fordert die Systeme des Strafrechts heraus, denn es stellt andere Fragen und wendet andere Methoden an. Im Strafrecht wird danach gefragt, welche Gesetze gebrochen wurden, wer schuldig ist und wie die Strafe aussehen könnte. Wiederherstellende Gerechtigkeit fragt, welche Verletzungen hat es gegeben, wer hat wen verletzt und wie kann Heilung erfahren werden. Sie hat die Opfer im Blick, aber auch die Täter und die Gemeinschaft und möchte gewaltsam zerbrochene Beziehungen wiederherstellen. Sie beharrt darauf, dass alle Menschen einen Wert und eine Würde haben und sich nach Frieden sehnen. Ein Moratorium für die Todesstrafe zu fordern und Dienste für wiederherstellende Gerechtigkeit zu entwickeln sind ein Weg, wie reformierte Kirchen zur Heilung von Gemeinschaften und zur Wiederherstellung von Menschenrechten beitragen können, damit das Leben wieder ins Gleichgewicht kommt.
Fragen
GebetBringe uns, o Herr, wieder zurück zu dir, damit wir heimkommen. Wir danken dir für deine Größe und für unseren Glauben, der unser Leben prägt. Hilf uns, damit wir uns für die Werte und Grundsätze heilender Gerechtigkeit einsetzen, die eine Kultur des Heilens, der Versöhnung und des Friedens schaffen! Zeige du uns die Richtung, wenn wir Leidenden, die sich ungerecht behandelt fühlen, beistehen: den Opfern und Überlebenden von Gewaltakten, den verurteilten Tätern und unseren Gemeinden. Schenke uns Kraft und Mut, den institutionellen Rassismus, persönliche Vorurteile und unbarmherzig schroffe Verurteilungen ohne jede Vergebungsbereitschaft zu bekämpfen. Wir beten für die Beendigung von Gewalt und Terror und für ein Ende der staatlich sanktionierten Tötungen. Wir senden einander in Frieden und Liebe an die Arbeit zur Wiederherstellung des Rechts und einer heilbringenden Gerechtigkeit. Amen. AutorinMelodee Smith lebt in den Vereinigten Staaten und engagiert sich als Pfarrerin in der Vereinigten Kirche Christi für die Wiederherstellung von Gerechtigkeit. Sie ist auch Anwältin und arbeitet mit Menschen, die hingerichtet werden sollen und mit Opfern und Überlebenden von Gewaltakten.
|