Accra 2004
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Hoffnung auf Frieden inmitten von Gewalt

Jeden Tag werden wir mit Nachrichten von Krieg, gewaltsamen ethnischen Konflikten, sozialen Unruhen, häuslicher Gewalt und zwischenmenschlichen Störungen in allen Teilen der Welt konfrontiert. Noch schlimmer aber, als diese Nachrichten zu hören, ist, sich an sie zu gewöhnen und abzustumpfen. Es gibt zwei Arten von Gefühllosigkeit: die Gefühllosigkeit derer, die die Nachrichten aus der Ferne betrachten und die Unempfindsamkeit derer, die jeden Tag inmitten von Gewalt leben müssen.

1984, neun Jahre nach Beginn des libanesischen Bürgerkrieges, bereiteten meine Freunde und ich ein Sommerjugendlager vor in der Nähe von Beirut. Wir wählten das Thema "Frieden" und umrissen folgende Unterthemen: Beten für den Frieden; Frieden schaffen; Frieden entdecken; innerer Friede und äußerer Friede. Vom Kontext her wussten wir, dass Kinder und Jugendliche unter den Missständen des Krieges mehr litten als jede andere Altersgruppe. Und theologisch erkannten wir, dass die christliche Botschaft sich um Gottes Frieden in Christus drehte, der aus uns Kinder der Versöhnung macht.

Das Jugendlager wurde ein Flopp. Die Jugendlichen konnten nicht sehen, warum wir Frieden so dringend brauchen. Das Nichtvorhandensein von Frieden war nicht unbedingt etwas Schlechtes, denn das Leben im Krieg war zu einer Lebensart geworden und sorgte für Aufregung und Abenteuer, ja sogar für Humor in unserem Leben.

Einem Jugendlichen gefiel es, dass durch die unvorhersehbaren Kämpfe in seiner Nachbarschaft die Schule ausfiel und er so extra Ferien hatte. Eine andere erzählte von den sozialen Banden und der Freiheit, die zwischen Familien und Nachbarn im Luftschutzkeller entstanden war. Ein dritter Jugendlicher sagte, sein Vater, von Beruf Glaser, verdiene mehr Geld in Kriegszeiten, weil täglich Hunderte von Fenstern zu Bruch gingen und ersetzt werden mussten.

Wir hatten nicht erwartet, dass die Jugendlichen inzwischen so sozialisiert waren, dass sie den Krieg als normale Lebensart akzeptierten. Sie hatten sogar gelernt, die "positiven" Lebenselemente mitten im Krieg zu schätzen. Im Gegensatz zur älteren Generation, die sich an eine Friedenszeit vor dem Krieg erinnern konnte, hatte unsere Generation nicht einmal ein Bedürfnis nach Frieden, sondern suchte nach Sinn inmitten des Krieges. Sie hatten nicht gelernt, auf mehr zu hoffen.

Die einzige Sache, die noch verheerender ist als mangelnder Frieden, ist die Unfähigkeit, inmitten von Gewalt auf Frieden zu hoffen.

Die Zeit deiner Heimsuchung durch Gott (Lk 19,41-44)

Jesus kommt nach Jerusalem und findet nichts anderes als Friedlosigkeit, nicht einmal irgendeine Hoffnung auf Frieden. Dies bewegt ihn so sehr, dass er weint. Im Blick auf die Zukunft dieser Stadt sieht er eine Zeit kommen, da "deine Feinde... keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du von Gott heimgesucht worden bist."

Wer den Besuch Gottes verpasst, der hat auch keinen Zugang zu den "Dingen, die Frieden schaffen". Um was aber handelt es sich bei diesen Dingen, die dem Frieden dienen? Der Text zählt sie nicht auf. Wir könnten uns darunter irgendeine Geste, Haltung, Entscheidung, Tat oder Intervention vorstellen, die zum Frieden führt.

Jerusalem ist, wie der Name schon sagt, die "Stadt des Friedens". Aber bis heute kann sie sich am Frieden nicht freuen. Für Jesus ist es eine Stadt der verpassten Gelegenheiten, eine Stadt mit einer verschwommenen Zukunft, eine Stadt des Leidens. Denn Frieden ist keineswegs das Einzige, was in Jerusalem fehlt. Der Stadt fehlt ihr Wohlbefinden, weil sie den Frieden nicht erhofft und nicht erkennt, dass Gott sie besuchen und in ihr wohnen möchte.

Gottes Friede geht über das Politische, das Soziale, das Psychologische hinaus, denn er ist ein Ausdruck von Ganzheit, eine Vergewisserung, aufzubrechen nach einer Heilung (Mk 5,34) und ein Zeichen des Ansprache nach der Auferstehung (Joh 20,19-26). Frieden ist nicht nur ein Konzept, sondern ein jeden Tag neu gesprochenes Wort, das zum Überleben hilft.

Leider fehlt der Frieden oft dort, wo er am meisten gebraucht würde! Es reicht nämlich nicht aus, anzuerkennen, dass wir Frieden brauchen, sondern wir müssen uns offen halten für die Zeit, in der uns Gott im Friedensfürsten besuchen will, damit wir die Ganzheit von Gottes Frieden erfahren.

Wir mögen uns nach Gottes Besuch sehnen, wann und wo immer wir dazu bereit sind. Vielleicht denken wir auch, Gott hätte keine Zeit mehr, bei uns zu erscheinen, was zu einem Leben voller Apathie oder Hoffnungslosigkeit führt. Gott setzt aber nicht immer die Gesetze der Geschichte für uns außer Kraft. Manchmal sind wir zu spät dran, eine Katastrophe abzuwenden und merken erst dann, dass das, was eine Chance zum Frieden hätte sein können, verpasst wurde.

Die Zeit hat einen verborgenen Sinn und Taten ziehen Konsequenzen nach sich. Es wird immer wieder geschehen, dass Katastrophen über uns hereinbrechen, Bomben explodieren, Morde verübt und Beleidigungen ausgesprochen werden. Wir müssen uns aber bereit halten, den Augenblick, wenn Gott uns erscheinen will, zu nutzen und alle Chancen zum Friedenschaffen wahrzunehmen. Wie viele Katastrophen hätten durch treues und mutiges Handeln verhindert werden können!

Verpasste Chancen in der Friedensarbeit heben aber, Gott sei Dank, die Hoffnung auf Gottes Erscheinen nicht auf, sondern sie können einer Hoffnung Platz machen, dass der auferstandene Christus, die Hoffnung der Welt, kommen wird. Der Auferstandene befähigt uns, allen Prophezeiungen der Welt zum Trotz, uns auf die Zukunft hin zu orientieren.

Als Kinder Gottes, die sein Reich suchen, sind wir eingeladen, aller Gewalt zu widerstehen, Heilungskräfte zu mobilisieren und uns für Versöhnung einzusetzen.

Fragen

  1. Reflektieren Sie die Formen von Gewalt, die es in Ihrem Umfeld gibt: Zuhause, in den Straßen, in sozialen Einrichtungen, in der Kirche oder wo sie auch erfahrbar sein mag.
  2. Benennen Sie die verpassten Gelegenheiten, in Ihrem Kontext Frieden zu schaffen.
  3. Welche Voraussetzungen sind nötig, um in Ihrer Situation Frieden zu stiften?
  4. Benennen Sie die Zeichen der Hoffnung und Menschen, die sich in Ihrer Mitte für Frieden einsetzen.
  5. Was könnte das Erscheinen Gottes bei Ihnen heute bedeuten?

Gebet

Barmherziger Gott, im Namen des Friedensfürsten denken wir an alle Menschen, die in Ländern leben, die schon so lange von Gewaltakten betroffen sind und bitten für einen Neuanfang.

Wir erinnern jene, die schweigend die Gewalt von Fremden und Nahestehenden ertragen, und bitten um Mut und Erlösung.

Wir denken an alle, die sich selbst und anderen auf laute oder subtile Weise Gewalt antun, und bitten um Vergebung und Reue.

Wir hoffen für jene, die die Nachrichten von Gewalt in fernen Ländern unberührt lassen, und bitten für ein erneuertes Herz.

Wir gedenken derer, die Frieden in politische Rhetorik verkehren, und bitten um Erkenntnis.

Herr und Gott, lass uns die Harmonie und den Frieden schmecken, die Du der ganzen Schöpfung zugedacht hast.

Mach uns zu Hoffnungsträgern und Friedenstifterinnen, wie Jesus Christus, unser Friede, es uns vorgelebt hat. Amen.

Autor

Paul Haidostian kommt aus dem Libanon und ist Pfarrer der Union Armenischer Evangelischer Kirchen im Nahen Osten. Er ist Präsident der Haigazian Universität in Beirut und Mitglied des Exekutivausschusses des Reformierten Weltbundes.

 

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