Accra 2004
Reformierter Weltbund

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Auf dass alle Leben in Fülle haben

Christlicher Glaube in einer pluralistischen Gesellschaft

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Christlicher Glaube in einer pluralistischen Gesellschaft

Indien ist viel zu oft aus den falschen Gründen in den Nachrichten. So wurde die Welt Zeuge der schrecklichen Gewaltausbrüche zwischen Mitgliedern verschiedener Religions-gemeinschaften in Gujarat, demselben Staat, aus dem der Apostel der Gewaltlosigkeit, Mahatma Gandhi, kam.

Nachbarn wurden zu Fanatikern; das Zuhause verwandelte sich von einem Ort der Zuflucht in ein Schlachtfeld; sorgsam gepflegte Beziehungen und geteilte Freuden lösten sich in Hasstiraden auf. Hinter Höflichkeitsfassaden brach aufgestauter Hass hervor, der das furchterregende Gesicht hinter der Maske enthüllte.

Bilder von ausgebrannten Läden und Häusern, übereinanderliegenden Körpern, nach Hilfe ausgestreckten Händen haben sich in unsere Fantasie eingebrannt, aber auch die seichten, zynisch mit Menschenleben spielenden und die Opfer vernachlässigenden Erklärungen der Mächtigen.

Dies ist umso beunruhigender, als Indien mehr als dreitausend Jahre lang ein multi-kulturelles, multi-ethnisches und multi-religiöses Land war. Natürlich gab es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Zusammenstöße und die Teilung des Landes vor über 50 Jahren hat zu einer großen menschlichen Tragödie geführt. Indien ist aber immer wieder als ein "Labor des Dialogs" beschrieben worden, wo Menschen unterschiedlicher religiöser Überzeugungen und Glaubensrichtungen über Generationen Seite an Seite lebten und arbeiteten.

Christen sind eine Minderheit in Indien. Die Kirchen in Indien - die orthodoxen und katholischen Kirchen genauso wie verschiedene protestantische Kirchen und eine Vielzahl von Pfingstkirchen - fühlen sich verwirrt und verlassen und fragen sich, wie sie ihre Berufung, aktive und engagierte Friedenstifter im Kontext interreligiöser Gewalt zu sein, am besten realisieren können.

Was bedeutet es, in einem solchen Kontext das Evangelium des Friedens und der Versöhnung zu verkündigen? Wie können Christinnen und Christen mit anderen zusammenarbeiten, um eine Gesellschaft zu gestalten, in der Menschen unterschiedlicher Religionen friedlich zusammenleben können? Wie können die Kirchen ihre Liebe unter Beweis stellen und gleichzeitig den Mächtigen die Wahrheit sagen?

In der Menge gefangen (Mk 11,1-11 und 15,6-15)

Während der letzten Woche seines Erdenlebens war Jesus in Jerusalem mit großen Menschenmengen konfrontiert. Beim ersten Anlass, als er auf dem Rücken eines Esels in die Stadt einritt, hieß ihn eine große Menschenmenge mit Palmzweigen, lauten Rufen und einem Gefühl von Begeisterung, überschwänglicher Freude und Ausgelassenheit willkommen.

In einer solchen Menge kann man sich leicht mitreißen lassen, denn man braucht keine eigenen Entscheidungen zu treffen, weil sie einem abgenommen werden. Du brauchst nicht zu denken, sondern einfach nur der Menge zu folgen. Es herrscht ein Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, größer als du selbst.

Es kann aber auch beängstigend sein, Teil einer Menge zu sein, denn in der Menge kannst du dir nur schwer Gehör verschaffen. Und auch wenn dir nicht gefällt, was vor sich geht, kannst du nur wenig daran ändern. Eine Menge entwickelt ihr eigenes Momentum, ihren eigenen Schwung. Wenn die Menge an Aktivitäten beteiligt ist, die Frieden und Versöhnung fördern, dann ist das eine wundersame Kraft. Wenn es der Menge aber um Zerstörung und Gewalt geht, dann geht die Sache in schrecklicher Weise schief.

Am Tag seiner Kreuzigung sah sich Jesus dann einer feindlichen Menge gegenüber. Die grausame Entschlossenheit dieser zweiten Menge hat etwas Furchterregendes, denn sie hatte keinerlei Angst vor den Folgen ihres Handelns. Keine Aufforderung zur Vernunft, kein nochmaliges Überdenken konnte sie umstimmen. Sie war entschlossen, das Blut eines unschuldigen Menschen schmecken zu wollen.

Als die Menge auseinanderlief, blieben nur einige wenige übrig, um die Scherben aufzusammeln (Mk 15,42-16,2).

Die Jünger Jesu wussten nicht so recht, wo dies alles hinführen würde. Außer einigen treuen Frauen, zogen sie es vor, sich wieder in die Anonymität ihres früheren Lebens zurückzuziehen. Dann aber trieb sie die Macht und Kraft der Auferstehung dazu, wieder an die Öffentlichkeit zu treten und mutig das Evangelium zu verkündigen - Hoffnung inmitten der Hoffnungslosigkeit, Frieden angesichts von Gewalt, Sinnstiftung in der Entfremdung, Werte mitten in der Frustation und Liebe angesichts des Hasses.

Die meisten reformierten Christinnen und Christen auf der Welt leben und feiern Gottesdienst als religiöse Minderheiten.

In Indien leben über eine Milliarde Menschen. Die ca. 30 Millionen Christen entsprechen nur 2,34 Prozent der Bevölkerung. 82% Hindus, 12,12% Muslime, 2,34% Christen, 1,94% Sikhs, 0,76% Buddhisten, 0,4% Jain, 0,44% Andere.

Quelle: Census of India.

Fragen

  1. Leben Sie in einer multireligiösen Gesellschaft? Welcher Religion gehören Ihre Nachbarn an?
  2. Leben die religiösen Gemeinschaften in Ihrer Gesellschaft friedlich zusammen? Welche Spannungen gibt es?
  3. In Indien und an vielen anderen Orten nimmt die interreligiöse Gewalt zu. In welchem Maße sind Christen in Ihrer Gesellschaft daran beteiligt, solche Gewalt aufrechtzuerhalten? Wie können wir dazu beitragen, diese Kreisläufe von Gewalt zu beenden?
  4. Wie können Christen mit anderen zusammenarbeiten, um eine Gesellschaft zu gestalten, in der Menschen unterschiedlicher Religionen friedlich zusammenleben können?
  5. Wie bezeugen wir die Hoffnung, die in uns ist, in einer Weise, die zu Heilung und Versöhnung beiträgt?

Gebet

Barmherziger und gnädiger Gott,
ständig erschreckst und überraschst du uns;
du rüttelst uns auf aus unserer gleichgültigen Selbstzufriedenheit.

An unvorhergesehenen Orten und zu unerwarteten Zeiten,
durch unverhoffte Begegnungen und in nicht erwarteten Formen
enthüllst du uns deine Gegenwart.

Wenn wir die Realität der Gewalt in unseren Gesellschaften reflektieren
und über die Gewalt nachsinnen, die dein Sohn erfahren musste,
dann lass uns empfänglich werden und
hellwach auf die Forderungen des Evangeliums reagieren.

Wir wollen immer wieder neu unseren Glauben leben,
die Ganzheit wiederherstellen helfen
und die Chance der Heilung miteinbeziehen.

Darum bitten wir im Namen Jesu, des Gegenwärtigen und Kommenden,
durch dessen Tod die Trennmauern der Feindschaft niedergerissen wurden.

Amen.

Autor

J Jayakiran Sebastian stammt aus Indien und ist Presbyter in der Kirche von Südindien. Er ist assoziierter Professor für Theologie und Ethik am United Theological College in Bangalore.

 

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